Mein inneres Kind, mein Teddy und ich
Alle reden über das „innere Kind“. Überall ploppt es auf, in jedem Podcast, in jedem Magazin, auf Instagram… Ganz ehrlich, es ging mir zeitweise ziemlich auf die Nerven. Dieses Modell fühlte sich für mich oft zu plakativ, fast schon modisch an – bis zu dem Moment, als ich mich vor einigen Jahren doch überwunden habe, den Klassiker „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl zu lesen. Ich machte alle Übungen im dazugehörigen Übungsbuch und dachte mir, mein inneres Kind sei nun geheilt, alles paletti! Denkste…
In der Therapie durfte ich schmerzhaft lernen, dass zwei, drei Übungen nicht jahrzehntelang aufrechterhaltene Muster transformieren. Viele meiner heutigen Verhaltensmuster, meine Ängste und meine Blockaden lassen sich direkt auf dieses kleine Ich von früher zurückführen. Also machte ich mich auf die Suche danach.
Die verschiedenen Gesichter meines inneren Kindes
- Das trotzige innere Kind: Sobald ich mich in einer Situation nicht ernst genommen fühle, schnappt die Falle zu. Ich rebelliere, beschwere mich inbrünstig oder ich verschliesse mich komplett und bocke (ähnlich wie ein Kind – ist mir echt peinlich, das zu schreiben).
- Das mit Gefühlen überforderte innere Kind: Wenn Angst oder Panik aufsteigen, übernimmt dieser Anteil komplett das Steuer. Die Gefühle fühlen sich dann so gewaltig an, dass das Kind in mir glaubt, sie würden niemals wieder verschwinden. Es ist die Angst vor dem Ertrinken in den eigenen Emotionen.
- Das alleingelassene innere Kind: Es fühlt sich einfach nur einsam mit seinen Sorgen. Es wartet vergeblich auf die Umarmung, die ihm das Gefühl gibt, sicher zu sein.
Zu erkennen, wie allein man wirklich war… ein unglaublicher Schmerz
Was diesen Prozess so unendlich schwer macht, ist der Moment, in dem man die Tragweite der eigenen Kindheit erst richtig begreift. Es ist eine Sache, zu wissen, dass es „schwierig“ war, aber es ist eine völlig andere, als erwachsene Frau zu realisieren, wie unfassbar schutzlos und alleine man damals eigentlich war. Man blickt zurück und sieht dieses kleine Mädchen, das gelernt hat, seine Tränen lautlos zu weinen, damit niemand gestört wird. Man begreift heute erst, dass die „erstaunliche Selbstständigkeit“, für die man vielleicht sogar gelobt wurde, in Wahrheit ein verzweifelter Überlebensmechanismus war. Man war nicht selbstständig, weil man so stark war, sondern weil man instinktiv wusste: Da ist niemand. Da ist niemand, der den Rahmen hält, niemand, der die Welt sortiert, und niemand, der einem sagt, dass alles gut wird.
Zu begreifen, dass man in den prägendsten Jahren des Lebens im Grunde keine emotionale Unterstützung hatte, fühlt sich an wie eine Wunde, die erst jetzt, Jahrzehnte später, richtig aufbricht. Man trauert um die Geborgenheit, die man verdient gehabt hätte, aber nie bekommen hat. Das kleine Ich von damals hat nicht nur überlebt – es hat gefühlt die Last einer ganzen Welt allein getragen.
Wenn der erwachsene Anteil die Regie übernimmt
Heute lerne ich, dass es die Aufgabe meines erwachsenen Anteils ist, Verantwortung für das innere Kind zu übernehmen. Es ist ein hartes Training, aber es lohnt sich. Wenn das alleingelassene Kind heute weint, ignoriere ich es nicht mehr. Ich nehme mir Zeit, setze mich hin und (ja ich tue es wirklich) umarme meinen Teddy. Ich halte ihn fest und sage zu meinem inneren Kind, dass es jetzt nicht mehr alleine ist. Dass ich jetzt da bin und bleibe. Ich erkläre dem mit Gefühlen überforderten Kind ganz ruhig, dass Gefühle wie Besucher sind. Sie kommen, aber sie gehen auch wieder. Wir können diese Gefühlswellen überleben. Und wenn das trotzige Kind bockt, setze ich mich daneben. Ich gebe ihm das Gefühl, gesehen zu werden, ohne es zu verurteilen.
Das Fazit: Ein Stofftier mit 40
Am Anfang war das alles sehr unangenehm für mich. Ich kam mir absolut lächerlich vor. Da sitze ich als 40-jährige Frau mit einem Stofftier im Arm auf dem Bett und führe Selbstgespräche. Bin ich jetzt komplett verrückt geworden? Doch der Erfolg gab der Methode und meiner Therapeutin recht. Mittlerweile habe ich das tiefe Gefühl, dass an diesem Modell wirklich etwas dran ist. Es ist kein Hokuspokus. Gefühle und diese erdrückenden körperlichen Empfindungen wie Anspannung oder die Enge in der Brust verschwinden tatsächlich schneller. Warum? Weil das Kind in mir zum ersten Mal in seinem Leben erfährt, dass es nicht mehr alles alleine schaffen muss. Es darf endlich die Last ablegen, weil ich jetzt da bin.
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