Die Angst, gesehen zu werden
Mein erster Blogbeitrag sollte perfekt sein: Strukturiert, fehlerfrei, tiefgründig und mit genau der richtigen Prise Humor. Das Ergebnis? Eine fertige Website ohne Inhalt. Meine eigenen Ansprüche waren die perfekte Mauer, um mich dahinter zu verstecken. Ich wartete auf den Moment, in dem ich mich sicher genug fühlen würde, um mein Inneres nach aussen zu kehren. Doch Sicherheit kommt nicht durch Warten, sondern durch das Tun. Jedes Mal, wenn ich ein leeres Dokument öffnete, starrte mich die Angst an – die Angst, dass meine Worte nicht ausreichen würden, um das Gewicht meiner Erfahrung zu tragen. Auch die Angst, Leser:innen könnten den Beitrag schlecht finden, war zu gross.
Heute schreibe ich ihn trotzdem – den ersten, definitiven Blogbeitrag. Er ist alles andere als perfekt. Aber er folgt einem neuen Motto: „Just make it exist first. You can make it good later“.
Was jahrelang wie Stillstand aussah, war in Wahrheit ein langer Weg zu mir selbst.
Vor knapp 20 Jahren veränderte ein traumatisches Erlebnis mein Leben radikal. Aus der aufgestellten, energievollen und abenteuerlustigen Nicole, die Sport liebte und ihre Zeit gerne mit Freunden verbrachte, wurde eine isolierte, depressive Version meiner selbst. Meine Wochenenden bestanden nur noch aus dem Rückzug ins Bett oder vor den Fernseher; mit Freunden zog ich kaum mehr um die Häuser. Die Welt draussen drehte sich weiter, während meine eigene stehengeblieben war. Meine Wohnung wurde zu meinem Kokon, der mich zwar schützte, mir aber gleichzeitig die Luft zum Atmen nahm. Ich verlernte, wie es sich anfühlt, Teil von etwas zu sein, und die Einsamkeit wurde zu einem vertrauten, wenn auch schmerzhaften Begleiter. Mein Kopf fühlte sich wie Watte an, ich war immer müde und sehr träge. Ich schluckte meine Emotionen, die ich kaum aushalten konnte, jahrelang mit Essen runter. Es war der Versuch, eine Leere zu füllen, die eigentlich kein Hunger war, sondern ein stummer Schrei nach Hilfe.
Es folgten Jahre, in denen ich mich wie taub fühlte.In all den Jahren der Stille habe ich jedoch unaufhörlich an mir gearbeitet. Aus der anfänglichen Leere wurde langsam ein Raum für neue Gedanken. Ich spürte, wie die Stille lebendig wurde und ein Bedürfnis in mir wuchs, das keinen Aufschub mehr duldet.
„Etwas muss raus“
Seit etwa drei Jahren spüre ich diesen Drang. Nach einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik weiss ich endlich, was dieses Gefühl bedeutet: Ich will gesehen und gehört werden. In der Klinik lernte ich, dass Heilung kein geradliniger Prozess ist, sondern aus vielen kleinen, oft mühsamen Schritten besteht. Ich begriff, dass meine Wut kein Feind ist, sondern eine unterdrückte Energie, die mir jetzt die Kraft gibt, für mich selbst einzustehen. Die Scham, die mich so lange gelähmt hat, verlor langsam ihre Macht, je mehr ich begann, meine Wahrheit auszusprechen. Ich will mich nicht länger verstecken. Ich will mich für meine Geschichte nicht schämen müssen. Ich will raus, mich bewegen, wieder unter Leuten sein, singen, rennen und die jahrelang unterdrückte Wut endlich raus- und dann loslassen.
Ich will endlich ich sein.
Dieser Blog ist der Anfang. Es ist egal, wie viele Menschen ihn lesen. Es ist mein Raum, meine Geschichte – und sie will erzählt werden. Vielleicht ist dieser Blog nicht perfekt, aber er ist echt. Und das ist genug.
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